Gravel Fondo Ride Hamburg 2021 – Achtung, fertig, los !

Dass Hamburg mehr kann als Reeperbahn, Hafen und Michel wurde letztes Wochenende beim ersten Termin der Gravel Fondo Ride Serie in Hamburg unter Beweis gestellt. Unser Host Marcus Baranski hatte eine ganze Perlenkette an Highlights für Gravel Afficionados zusammengestellt. Gewürzt mit einem Battle zwischen dem ersten deutschen Gravel Profi Paul Voss und Berliner Radsport Schwergewicht Thorben Haushahn. Wer das Tempo mithalten konnte und wer es entspannter anging, lest ihr unten in Marcus Bericht aus der Sattelperspektive.

Was lange währt, wird irgendwie auch ganz gut

Am Wochenende war es endlich so weit, der erste Ableger der Gravel Fondo Serie ging scharf und zwar die Austragung Hamburg. Corona-bedingt noch nicht so richtig als Event mit einer großen Gruppe zu einer Uhrzeit, aber schon tausendmal besser als immer nur virtuell und remote, wie in den letzten zwölf plus Monaten. Alle die sich angemeldet hatten, bekamen den GPS-Track am Tag vorher per Mail und konnten dann am Wochenende vom Hof Overmeyer aus die südlich von Hamburg gelegene Heide unter die Reifen nehmen.

An dem Kurs habe ich ein gutes Jahr geschnitzt, ursprünglich sollte die Austragung im Mai 2020 über die Bühne gehen, aber dann krempelte Corona alles auf links. Rausgekommen sind gut 80 Kilometer Offroad vom Feinsten und wenn sich jetzt nicht noch jemand rührt und was anderes behauptet, fanden diese wohl auch alle ganz gut.

Haushahn gegen Voss

Spontan hatte die Gravel Fondo-Crew aus Stuttgart noch zwei zumindest radsportliche Schwergewichte aus Berlin verhaften können, die sich die Ehre gaben. Zum einen den Votec-Teamfahrer Thorben Haushahn, der dieses Jahr erstmalig für sein eigenes Team fahrradfreund:innen Berlin bei Straßenrennen startet und auch schon das erste Podest in der Tasche hat. Und dann einen der ersten deutschen Gravel-Profis, Bundesliga- und Besenwagenfahrer sowie angehenden YouTuber Paul Voß. Der wollte kürzlich eigentlich bei Unbound Gravel (ehemals Dirty Kanza) in den Staaten starten, das wurde dann aber nichts wegen Visum oder so.

„Liquid Sunshine“ – Sommer in und um Hamburg herum

Und so gab es stattdessen eben Dirty Heide statt Dirty Kanza. Pünktlich zum geplanten Losfahren gab es nämlich das typische Hamburger Schmuddelwetter, was dann auch bis zum Nachmittag einfach blieb. Wer bis zum Sonntag wartete, hatte von oben mehr Glück, von der Seite blies der Wind aber weiter ganz schön kräftig. Hamburg halt.

Hieß es beim Losfahren noch „wir können ja auch alle zusammen fahren“, änderte sich das auf den ersten paar hundert Metern rapide. Als wir in den ersten sanften Anstieg im Wald einstiegen, zündeten die beiden Granaten vorne den Turbo und hinten platzte ein Kandidat nach dem anderen raus. Mein Tipp: Das Zitat von oben ist das neue „ ich fühle mich heute gar nicht und habe die Woche kaum trainiert“. Fair enough, die beiden waren halt angereist, um einen auszuheizen und uns dahinter so richtig schön einen einzuschenken. Mithalten konnte da kaum noch einer, außer einem mysteriösen Mann in Gelb (nicht ich, ich trage Neongelb).

Bastelstunde „in the woods“

Nach zehn Minuten saßen die beiden Protagonisten witzigerweise auf einem Baumstamm und bastelten irgendwas an ihren Schuhen rum. Wir sind schnell weiter in der Annahme, dass das Tempo von hinten gleich wieder anziehen würde. Auch als Profi geht eben nichts über ein funktionierendes Multitool an Bord. Vorne zu dem Zeitpunkt allein auf weiter Flur: der mysteriöse Mann in Gelb.

Dass es offenbar nicht nur ein bisschen genieselt hatte, merkten wir dann, als wir durch meterbreite Wasserlöcher mussten, die da am Vortag noch nicht waren (ich schwör!). Und statt von hinten überrollt zu werden, sammelten wir ein paar People ein, die wir uns auf dem Track gegangen waren. Das Tempo pendelte sich dann bei zügig ein, schon noch in der Erwartung, dass noch ein Express kommen würde, auf den man vielleicht aufspringen kann. Sprich wir waren für mich viel zu schnell.

Klasse statt Masse

Wie sich hinterher herausstellte, hatte der Herr Voß den Tag aber vermehrten Basteln Drang und Herr Haushahn wartete sportlich fair jedes Mal daneben, bis er dann irgendwann weiter geschickt wurde. Deshalb kam erstmal ganz lange nichts. Als er uns dann kurz vorm südlichen Wendepunkt in der Heide einsammelte und sofort stehen ließ, zogen wir auch praktisch erstmal die Parkmarke und tauschten den Latex-Schlauch gegen einen neuen aus (nicht ich, ich fahre im Wald ohne Schlauch). Kurz danach kam dann auch Paul über das Pflaster an uns vorbei gebrettert wie ein junger Gott. Sah auf jeden Fall gut aus. Keine Ahnung, ob wir ohne die Panne auch unter drei Stunden hätten bleiben können, jetzt kann ich es ja aber sagen, ich war heilfroh, dass mal Pause war.

Beim Scouten der Strecke hatte ich das Gefühl, dass auch vier Stunden Fahrzeit schon sehr schnell sind. Nach dem Wiederanfahren hat es dann wieder peng gemacht und zwar bei mir in den Beinen, sodass die Reisegruppe Becker dann zu zweit weiterbraten musste und mein Kumpel Matten und ich uns eingestehen mussten, dass es immer noch drei bis vier Klassen über einem gibt (mindestens), auch wenn man sich verdammt stark fühlt. 25 Kilo weniger sind natürlich auch eine Option.

Der Rest ist dann schnell erzählt, wir haben immer mal wieder ein paar Graveller überholt, die wohl auch auf dem Track unterwegs waren und am Ende waren wir beide froh, als wir bei Overmeyer ankamen, inklusive Krampf und Co.  Gravel Fondo hat spontan noch Drinks springen lassen, es wurde ganz kurz und mit Abstand geplauscht und danach ging es ab nach Hause in die heiße Badewanne.

Die Endabrechnung

Was das „Klassement“ anging sah es dann so aus: Paul war Erster in guten zweieinhalb Stunden. Als wir auf dem Parkplatz aufliefen, war er schon wieder wie aus dem Ei gepellt und jedes Haar saß. Thorben war minimal langsamer und komplett mit Dreck gepökelt, er hat wohl ein paar Bodenproben genommen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass er mit dem Allroad Renner VRC von Votec unterwegs war auf 35 mm Bereifung. In den losen Sandpassagen erforderte das einiges an Steuervermögen. Dazwischen lag noch der Mann in Gelb, der kurz vorm Ziel noch von Paul eingesackt wurde und der hier oben im Norden nach Belieben alles zu klump fährt, was mit ihm losfährt. Dafür hat er kein Insta. Hut ab dafür, Herr Mortensen!

Danke an dieser Stelle noch an Kerstin Overmeyer für die Location und vor allem ihre Geduld der letzten 15 Monate. Und Kudos an die beiden Fotografen Janine und Justin, die nicht nur wie Hase und Igel überall auf der Strecke gleichzeitig waren, sondern die bei 400 Watt einhändig und offroad neben uns her fahren konnten und gleichzeitig aus der Hüfte noch jede Menge geiler Bild gemacht haben.

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So und wer jetzt auch Bock auf sowas hat, nächstes Wochenende geht es weiter in Offenbach mit 8000 Watt und danach noch bundesweit bis in den September. Mit Glück dann auch bald wieder mit ganz offiziellen Finisher-Bier. Die Termine und alles zur Anmeldung findet ihr hier unter Events.

Ach ja, zum Wetter: Heute sind hier 26 Grad und Sonne. Bisschen zu warm zum Radfahren, heute ist Ruhetag.

Gravellige Grüße aus Hamburg, „Der Baranski“